EUROPE IS A WOMAN

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Eine performative Lebend-Installation

Inhaltsverzeichnis

Europa ist über alle Zeitalter und Landesgrenzen hinaus immer auch von Frauen bestimmt und getragen worden, obwohl sie - in patriarchalischen Strukturen gefangen - viel schwerer zum Zuge kamen. EUROPE IS A WOMAN will an den Einsatz von Frauen für und in Europa erinnern, und diesen mit einer theatralen Installation würdigen. Die mythologische Europa sowie bis zu elf "unbekannte Frauen" unterschiedlicher Nationen, Epochen und Berufsgruppen konfrontieren, verteilt im gegebenen Raum, die Vorbeigehenden in einem kurzen Monolog mit ihrer Biografie und Situation...

Idee, Regie & Dramaturgie: janna Kagerer ; Texte: janna Kagerer, Sandra Schindler, Frederike Müller ; Die Frauenfiguren stellen dar: Annegret Psiorz, Erika Schreiber, Hannah Gering, Inka Perl, Jessica Wulf, Julia Berger, Katja Schindler, Lisa Pawula, Lisa Seffner, Mandy Richter, Melanie Berger, Nora Müller, Patricia Machmutoff, Sarah Schramm, Steffi Eisenwinder, Susan Krüger

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+++ Ich bin die Europa der altgriechischen Mythologie. Ich stamme aus dem phönizischen Tyros im vorderasiatischen Mittelmeerraum. Als Tochter des Königs Agenor wachse ich in der tiefen Abgeschiedenheit des väterlichen Palastes auf. Einmal träume ich von zwei Weltteilen in Frauengestalt, die sich um mich streiten. Asia sagt, dass sie mich geboren und gestillt hätte, die andere, Fremde aber umfasst mich mit gewaltigen Armen und zieht mich mit sich fort. Als junges Mädchen spiele ich gern und oft mit meinen Freundinnen am Meer. Eines Tages erscheint mir dort Gottvater Zeus in der Gestalt eines prachtvollen Stieres. Er bringt mich dazu, auf seinem Rücken zu reiten und trägt mich über das Meer an ein fernes Ufer. In Männergestalt verführt und entjungfert er mich und verlässt mich kurz darauf. Entsprechend meiner Erziehung fühle ich mich schuldig und trage mich mit Selbstmordgedanken. Die Göttin Aphrodite erscheint mir und versucht mich damit zu trösten, dass ich eine der irdischen Gattinnen des unsterblichen Zeus geworden sei. Mein Name sei von nun an unsterblich, denn der fremde Weltteil heiße von nun an Europa. +++ (Hannah, Erika, Katja , Steffi)

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+++ Ich komme im Jahre 1199 in der flandrischen Stadt Brügge zur Welt, als Tochter einer wohlhabenden Tuchmacherfamilie. Schon als kleines Kind werde ich aus wirtschaftspolitischen Gründen dem Sohn eines Wollfabrikanten versprochen. Als Zwölfjährige erfahre ich zum ersten Mal mystisch-religiöse Visionen, die dann immer wiederkehren und den Wunsch in mir auslösen, mich voll und ganz einem gottgeweihten Leben hinzugeben. Mit fünfzehn zwingt man mich gegen meinen Willen zur Heirat. Zum Glück ist mein Mann chronisch krank und impotent, so dass unsere Ehe kinderlos bleibt. Als er zwei Jahre später stirbt, versuchen meine Eltern, mich immer wieder neu zu verheiraten, aber ich ziehe mich in der Rolle der trauernden Witwe zurück und verweigere mich einer neuen Ehe. Erst 1229 ziehe ich als Dreißigjährige auf einen Beginenhof, um in einer ordensähnlichen christlichen Frauengemeinschaft mein Ideal eines keuschen und kontemplativen Daseins zu verwirklichen. Da mir die von Reichtum und Hierarchie geprägten Orden der römisch-katholische Kirche nicht zusagen, kann ich mich mit der oppositionellen Bewegung jener Laienschwestern besser identifizieren. Mir gefällt es besonders, dass bei den Beginen neben Gebet und Selbstbesinnung auch praktisches Handeln zum täglichen Leben gehört. Unseren Unterhalt verdienen wir mit Krankenpflege und Kindererziehung, Leichenwäsche und Textilhandwerk. Trotz der vielen Arbeit bleibt mir genügend freie Zeit, um meine mystischen Erfahrungen in Form von Gedichten niederzuschreiben. Bei den Beginen gibt es nur ein Gelübde auf Zeit, und ich darf jederzeit aus der Gemeinschaft ausscheiden, doch ich erneuere es Jahr für Jahr bis zu meinem Tode im Jahre 1259. Obwohl der ortsansässige Klerus mit Anfeindungen gegen uns nicht spart und nicht wenige meiner Schwestern der inquisitorischen Verfolgung zum Opfer fallen, schenkt mir Gott die Gnade eines friedlichen und schmerzfreien Todes. +++ (Annegret, Jessica, Nora , Julia)

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+++ Ich werde 1606 in Bamberg geboren, das zu der Zeit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation angehört. Mein Vater stirbt wenige Jahre nach meiner Geburt, meine Mutter schafft es trotz der Armut, in der wir leben, mich als gesundes Mädchen aufzuziehen. Als Hebamme übt sie einen der wenigen Berufe aus, der ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Zwar lerne ich nie Lesen und Schreiben, eigne mir aber über meine Mutter und einige ihrer Kolleginnen ein für damalige Verhältnisse außerordentlich fortschrittliches Wissen in den Gebieten Geburtshilfe, Kräuterkunde, Medizin und Anatomie an. In der Praxis zeichne ich mich bald in meinem Beruf mit einer überdurchschnittlichen Quote an Lebendgeburten aus, und das inmitten des sogenannten Dreißigjährigen Krieges. Den von 1618 bis 1648 andauernden Kriegshandlungen mit Hungernöten und Seuchen im Schlepptau fällt in manchen Teilen Süddeutschlands ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer; eines der Opfer ist meine Mutter. Der Neid einiger Ärzte auf meine Fähigkeiten und meinen Einfluss führt dazu, dass ich ihr bald nachfolge. Als der Säugling einer reichen Kaufmannstochter am plötzlichen Kindstod stirbt, nutzen die Ärzte den Anlass, um sich gegen mich zu verschwören. Dass ich als Hebamme von der Kirche zur Taufe verpflichtet wurde, rettet mich nicht von dem Vorwurf, mit dem Teufel im Bunde zu stehen und den Tod des Säuglings durch Kräuter und schwarze Magie hervorgerufen zu haben. Bamberg ist zwischen 1595 und 1633 ein Kerngebiet der Hexenverfolgung, und nicht wenige Kolleginnen meiner Mutter werden in der Zeit auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt. 1630 ereilt mich als Vierundzwanzigjährige dasselbe Schicksal. +++ (Inka, Mandy, Susan, Sarah)

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+++ Ich werde 1635 in der französischen Provinz geboren. Meine Eltern gehören dem Adel an, sind aber nicht sonderlich begütert. So schickt man mich schon früh als Gesellschafterin einer reichen adligen Dame nach Paris. Dort lerne ich einen Mann aus dem niederen Adelsstand kennen und werde seine Frau. Er sorgt über seine Kontakte zum Königlichen Hof dafür, dass ich die Erzieherin der zwei Kinder der damaligen offiziellen Mätresse des Königs werde. Bald zähle ich, unter Duldung meines Gatten sowie der Königin, mit der ich mich sehr gut verstehe, zu den Geliebten des Königs. Mit fünfundzwanzig Jahren beginnt schließlich meine eigene Karriere als Titularmätresse. Mit meinem Aufstieg als mächtigster weiblicher Günstling des absolutistischen Monarchen wird mein Gemahl erster Minister am Hofe. Meine Aufgabe ist es, als schöne, gebildete und geistreiche Gastgeberin den Hof zum beachteten Mittelpunkt des Landes zu machen. Meine Macht reicht allerdings weiter, und ich nehme mehr oder weniger erfolgreich Einfluss auf die Politik, was mir als Frau damals nur in der Position einer Maitresse en titre möglich ist. Darüber hinaus fördere ich talentierte Künstler, gründe ein eigenes Hoftheater und inszeniere Schauspiele, Opern und Ballette. Im hohen Alter gründe ich ein Mädcheninternat für Töchter verarmter Edelleute, in das ich mich nach dem Tod des Königs zurückziehe. Glücklich und zufrieden blicke ich dort als geachtete Dame auf mein Leben zurück, bevor ich 1719, mit 84 Jahren, an Altersschwäche sterbe. Zum Glück werde ich nie erfahren, dass ab dem Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Aufstieg von Bürgertum und Puritanismus das Bild der Maitresse rückblickend auf eine ordinäre Form von Prostitution reduziert wird. +++ (Nora, Susan, Hannah, Sarah)

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+++ 1712, das Jahr, in dem die Dampfmaschine erfunden wird, werde ich in einer Kleinstadt Nordwestenglands geboren. Meine Eltern haben einen gut gehenden kleinen Betrieb im textilhandwerklichen Bereich. Mit der sogenannten industriellen Revolution verliert er an Effizienz und kann nicht mehr mit den großen Textilfabriken im nahegelegen industriellen Ballungszentrum Manchester konkurrieren. Meine Eltern ziehen 1717 mit ihren sechs Kindern dorthin und verdingen sich als Fabrikarbeiter. Obwohl sie täglich, selbst an Sonn- und Feiertagen, bis zu 18 Stunden arbeiten, ist ihr Einkommen so gering, dass wir davon nicht leben können. Deshalb müssen auch wir Kinder, ich als Jüngste schon ab dem fünften Lebensjahr, mit für den Unterhalt sorgen. Von einer Schulbildung können wir nur träumen, während wir zehn bis sechzehn Stunden täglich - für einen Bruchteil des üblichen Lohnes - in der Fabrik schwerste Arbeiten verrichten. Von meinen Geschwistern sterben drei noch vor dem Erreichen des achtzehnten Lebensjahres; zwei Schwestern an dem durch die Schwerstarbeit geschwächten Gesundheitszustand, einer meiner Brüder durch einen Arbeitsunfall. Ich selbst werde immerhin 25 Jahre alt. Mit 21 heirate ich einen Arbeiter aus der Fabrik. Mein erstes Kind ist eine Totgeburt, das zweite stirbt schon wenige Monate nach der Geburt. Bei der Niederkunft des dritten treten Komplikationen auf, die weder das Kind noch die Mutter überleben. +++ (Susan, Melanie, Julia, Inka)

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+++ Ich werde 1779 im Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden geboren. Meine Eltern gehören dem fortschrittlichen Bildungsbürgertum an, und ich genieße das für ein Mädchen seltene Privileg einer umfassenden Bildung. In meiner Pubertät beschließe ich, Wissenschaftlerin oder Schriftstellerin zu werden, und inspiriert durch die Französische Revolution kommt noch der Wunsch nach politischem Engagement hinzu. Kaum bin ich volljährig geworden, da hält ein den Gedanken der Aufklärung nahestehender junger Gelehrter um meine Hand an, und ich werde seine Frau. Leider muss ich bald feststellen, dass seine angeblich progressive Gesinnung keine Auswirkung auf sein Frauenbild hat, so dass ich mich in unserer Ehe ausschließlich in der Rolle der Hausfrau und später mehrfachen Mutter wiederfinde. Dennoch gelingt es mir in meiner knapp bemessenen freien Zeit, einige Essays und Novellen zu verfassen. Das, was nicht als Weibergeschwätz abgetan oder als politisch zu brisant abgelehnt wird, erscheint entstellt, anonym oder unter männlichem Pseudonym in einer der liberaleren Zeitschriften. Mitte des 19. Jahrhunderts, als ich bereits eine hochbetagte Witwe bin, werden erstmals Frauen an Schweizer Universitäten zugelassen. Obwohl das für mich persönlich zu spät kommt, freue mich über diese Vorreiterrolle der Schweiz, wo doch Frauen im übrigen deutschsprachigen Raum erst Anfang des 20. Jahrhunderts studieren dürfen. Ich schließe mich der Schweizer Frauenbewegung an, halte Vorträge und setze mich für die zivilrechtliche und politische Gleichstellung der Frau in meinem Land ein. Der Kampf bleibt ohne nennenswerten Erfolg, und von Alter, Krankheit und Erbitterung geschwächt, sterbe ich 1867 im Alter von 88 Jahren. Auch die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz erlebe ich nicht mehr: sie erfolgt erst ungefähr ein Jahrhundert nach meinem Tod im Jahre 1971 - in meinem Heimat-Kanton sogar erst 1990. +++ (Inka, Annegret, Melanie, Steffi)

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+++ Ich werde 1830 im zaristischen Russland geboren, als eines von vielen Kindern leibeigener Bauern in einem Dorf bei Sankt Peterburg. Meinen Vater lerne ich nie wirklich kennen. 1833 wird er als Beteiligter an einem Bauernaufstand, bei dem sein Gutsherr ermordet wird, nach Sibirien deportiert. Mit Sechzehn verlobe ich mich mit meiner großen Liebe, dem Sohn eines leibeigenen Bauern. Der neue Gutsbesitzer, der älteste Sohn und Erbe des alten, verkauft aber meinen Verlobten und seine Familie kurz vor der Hochzeit an einen Grafen eines weit entfernten Gouvernements. Mit siebzehn heirate ich schließlich einen anderen Bauernsohn, den ich zwar nicht liebe, aber der mir ein Gefühl von Geborgenheit gibt und mich vor den Nachstellungen meines Herrn beschützt. Aus Eifersucht bestraft der Gutsherr ihn bei der kleinsten sogenannten Verfehlung besonders oft und hart, worauf mein Mann zu trinken und mich und unsere drei Kinder zu schlagen beginnt. Trotz den Schikanen des Gutsherrn, der schweren Arbeit und dem fortschreitenden Verfall meines Mannes empfinde ich das Leben als lebenswert, da ich meine Kinder habe, die mir alles bedeuten. Erst als mein Jüngster, der achtjährige Kolja, aus versehen den Lieblingshund des Gutsherrn verletzt, und dieser daraufhin das Kind vor meinen Augen von seinen Hunden zerreißen lässt, bricht meine Welt wirklich zusammen. Drei Jahre später, 1861, schafft Zar Alexander II. die Leibeigenschaft für die 25 Millionen Bauern im russischen Reich ab. Eine wirkliche Befreiung bedeutet es aber für die wenigsten, und auch meine Familie bleibt wirtschaftlich weiterhin vom Gutsherrn abhängig. 1866 werde ich schließlich von meinem Leidensweg erlöst und erliege mit 36 Jahren der damals in Europa sehr verbreiteten unheilbaren Tuberkulose, mit der ich mich einige Jahre zuvor angesteckt habe. +++ (Lisa S., Nora, Jessica, Erika)

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+++ ICH bin eine von den Unbekannten Ungezählten / die bis ins NEUNZEHNTE Jahrhundert nirgends in Europa fehlten / die kaum WAREN wir geschlechtsreif unsre Väter gleich vermählten / mit nem MANN, den wir nur selten wirklich freiwillig uns wählten / die mit VIERZEHN fünfzehn sechzehn - selbst noch Kind - schon eins bekamen / KINDER die uns unschuldig die eigne Kindheit nahmen / die nur KURZE Zeit wir halten konnten in den eignen Armen / die als HALBE Waisenkinder praktisch auf die Welt schon kamen / ICH bin eins der Mädchen die am Kindbettfieber starben / und SO sich keinen Platz in der Geschichtsschreibung erwarben / DESHALB und weil mir die meisten Lebensjahre fehlen / HAB ich bis auf das hier weiter nichts mehr zu erzählen +++ (Lisa S., Lisa P., Patricia, Katja)

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+++ Ich werde 1902 als Tochter jüdischer Handelsvertreter für Webereiprodukte im galizischen Biala* geboren. Gewissermaßen bin ich polnischer Herkunft, doch dauert es noch mehr als ein Jahrzehnt, bis nach 120 Jahren das geteilte Polen wieder als Nation auf der Landkarte erscheint. Wenn auch meine Eltern bei meiner Erziehung sehr streng sind, so werde ich doch mehr liberal als jüdisch-orthodox erzogen und darf auf eine Schule für Mädchen mit besonders hochwertigen Lehrmethoden gehen. Meine Leidenschaft ist die Musik, und so studiere ich von 1920 bis 1925, mit der Unterstützung und dem Segen meiner Eltern, Gesang am Konservatorium Warschau. Ich singe auch im Opern- und Oratorienchor, will die Lebendigkeit der Warschauer Künstlerszene spüren, was mir die günstige politische Lage Polens für Juden in den 20er Jahren auch ermöglicht. Nach dem Studium trete ich im Warschauer Theater auf und übersetze hierfür russische Theatertexte ins jiddische, um mich als Künstlerin noch authentischer darzustellen. Die Liebe zu einem treuen Zuschauer, der keinen meiner Auftritte verpasst, führt im Jahre 1927 zu meiner Heirat. Mein Mann genießt politisch hohes Ansehen, und toleriert sowohl meine sexuelle Freizügigkeit als auch den künstlerischen Lebenshunger. Ich wähle dennoch aus Liebe zu ihm für die Öffentlichkeit ein Pseudonym, um männlicher Vorverurteilung entgegenzuwirken. Die Abwendung der konventionellen Frauenrolle im Judentum wird damals schnell als allgemeine Abwendung vom Judentum interpretiert. Im Februar 1943 werden ich von den Nationalsozialisten nach Auschwitz deportiert und wenige Wochen später, mit 41 Jahren, ermordet. Obwohl ich zu Lebzeiten eine bekannte Sängerin bin, geraten mein Name und meine Identität als jüdische Künstlerin und Opfer des Holocaust in Vergessenheit. +++ (Lisa P., Patricia, Sarah, Katja) * Anmerkung: gesprochen /Bi-jaua/

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+++ Geboren 1918 in einem kleinen Dorf, wachse ich in Kärnten-Slowenien auf, wo mein Vater als Lehrer an einer zweisprachigen Schule unterrichtet, während meine Mutter und später auch ich uns um Land und Vieh kümmern. 1937, als die Heimwehr immer stärker und der Ruf nach dem Anschluss an Nazideutschland immer lauter wird, muss mein Vater fliehen. Weil wir Slowenen in einem Land sind, das deutsch werden soll, wird unser Besitz beschlagnahmt. Eine Nachbarsfamilie nimmt meine Mutter und mich auf ihrem Hof auf und gibt uns Arbeit. Inzwischen herrscht Krieg, Juden und kurz darauf auch immer mehr slowenische Familien werden deportiert. Viele fliehen in die Wälder, halten sich versteckt und betreiben Sabotage. Sie warten auf Unterstützung aus Jugoslawien, wo sich die Partisanen unter Tito mit Hilfe des britischen Geheimdienstes organisieren, um Widerstand gegen die Faschisten zu leisten. Auch ich gehe zu ihnen, übernehme Kurierdienste, bringe Lebensmittel in den Wald und Flugblätter in die Stadt und betreibe politische Arbeit, bis diese Dienste zu gefährlich werden und ich endgültig mit den Partisanen in die Berge ziehe. Unsere Not ist groß und die Vorräte knapp und doch kämpfen wir mit Hilfe englischer Waffen und den Agitationsschriften der Volksbefreiungsarmee. Viele von uns fallen, werden verhaftet und zum Tode verurteilt, verhungern oder erfrieren. Wir sind in einem notdürftigen Spital in einer von uns befreiten Region, als ein deutsches Bataillon uns umstellt. Als Agitatorin und Mitglied der Antifaschistischen Frauen werde ich verhaftet, angeklagt und eingesperrt. Drei Wochen nach Ende des Krieges komme ich frei, doch auf dem Weg zurück nach Kärnten in mein Dorf, meine Heimat, trifft mich eine Kugel aus einem britischen Geschoss in den Rücken. Kurze Zeit später erliege ich mit 28 Jahren den Folgen der Verletzung. +++ (Mandy, Lisa S., Lisa P. , Steffi)

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+++ Ich werde 1985 als Einzelkind in der schwedischen Stadt Malmö geboren. Meine Eltern trennen sich, als ich sechs Jahre alt bin, und meine Mutter zieht mich allein auf. Trotz ihrer Arbeit als selbständige Softwareentwicklerin und ihrem kommunalpolitischen Engagement für die Provinz Malmö nimmt sie sich viel Zeit für mich, und ich erlebe eine glückliche Kindheit. Politik wird schon früh eine Leidenschaft von mir, und so verfolge ich mit großem Interesse das Entstehen und die Entwicklung der Europäischen Union, zu der seit 1995, zwei Jahre nach ihrer Gründung, auch Schweden gehört. Nach dem Abitur studiere ich Politikwissenschaften und Romanistik in Stockholm, reise in den Semesterferien durch ganz Europa und absolviere Auslandssemester in Brüssel und Leipzig. Inzwischen lebe ich mit meiner Freundin Valerie in Straßburg und sitze als Mitglied der Nordisch grün-linken Allianz für Die Grünen / Europäische Freie Allianz im 1952 gegründeten Europäischen Parlament. Seit 1979 wird es alle fünf Jahre in allgemeinen, unmittelbaren, freien, geheimen Europawahlen von den Bürgerinnen und Bürgern der EU gewählt. Damit ist es nicht nur das einzige direkt gewählte Organ der Europäischen Union, sondern auch die einzige direkt gewählte überstaatliche Institution weltweit. Mich in Straßburg einzuleben, fällt mir anfangs schwer, obwohl ich mich überall in Europa zu Hause fühle und mich mehr als Europäerin denn als Schwedin wahrnehme. Meine Liebe zu Valerie hilft mir, hier heimisch zu werden, und jetzt, da es seit diesem Jahr auch in Frankreich möglich ist, haben wir vor, bald zu heiraten. Auch ein Kind wünschen wir uns; in Schweden ist die künstliche Befruchtung für lesbische Paare schon seit 2005 erlaubt. Bei Fragen der Homosexualität gilt Schweden übrigens als einer der liberalsten Staaten in Europa. +++ (Annegret, Hannah, Julia, Melanie)

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+++ Ich komme 1989 in der zentralbosnischen Stadt Zenica zur Welt. Mein Vater ist Ingenieur, meine Mutter Angestellte bei der Stadtverwaltung. 1993 fällt mein Vater im Bosnienkrieg. Mein damals achtjähriger Bruder stirbt zwei Jahre später als sogenannter Kollateralschaden bei einem NATO-Luftangriff. Meine Mutter erleidet während des Krieges sehr Schlimmes, worüber sie lange Zeit schweigt. Als sie das von Monika Hauser gegründete Frauenzentrum Medica Zenica kennenlernt, kann sie sich erstmals mit ihren traumatischen Erlebnissen auseinandersetzen. Sie geht regelmäßig zur Therapie, bis sie in der Lage ist, selber anderen Frauen zu helfen. Sie nimmt an einer Weiterbildung teil, engagiert sich ehrenamtlich bei Medica Zenica und erhält wenig später eine bezahlte feste Anstellung. Dort lernt sie 2005 Stefan kennen, einen Journalisten aus Köln, der einen Bericht über das Frauenzentrum schreiben will. Sie verlieben sich ineinander und heiraten bald darauf. 2006 ziehen meine Mutter und ich zu Stefan nach Köln, wo ich aufgrund von Sprachdefiziten ein Schuljahr freiwillig wiederhole, aber schließlich 2009 mein Abitur mit Erfolg bestehe. Zur Zeit mache ich ein Praktikum in der Kölner Zentrale der Frauenhilfsorganisation medica mondiale, im Rahmen meines Jurastudiums. Ich will später mal Anwältin für Menschenrechte werden oder Richterin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. +++ (Mandy, Patricia, Jessica, Erika)